Die vielschichtige Brille durch die wir die Welt sehen

Ich wache zunächst in einem abgedunkelten Raum auf. Hinter mir befindet sich ein Energiewesen. Es massiert meinen Kopf. Ich schubse mich überraschend nach hinten in es hinein. Meine Absicht ist es zu spüren ob dort wirklich etwas Festes da ist. Es fühlt sich an wie eine Energiebarriere durch die ich mich mit genug Kraft hindurchschubsen könnte. Das Wesen macht ein liebevolles schnurrendes Geräusch und unterbricht die Kopfmassage. Nach wenigen Augenblick, nachdem ich wieder ruhig liegen bleibe, macht es weiter. Seine Hände bewegen sich erneut zu meiner Kopfkrone. Ich wiederhole die überraschende Bewegung erneut, das letzte Mal schien es sich rechtzeitig Wegzubewegen… dieses Mal, anstelle einfach weiterzumachen, fließt es wie ein Wasserstrom aus Energie vor mich und baut seine Form über mir auf dem Bett auf. Die Energiemasse verwandelt sich in eine riesige, aufrechtstehende, humanoid wirkende, Schlange. Dann in eine humanoide Eidechse und schnell danach in das nächste und nächste Fabelwesen. Immer schneller! Dabei spüre ich, wie ich aus meiner jetzigen Traumwelt hinausgezerrt werde. Ich schwebe zunächst kurz hoch über einer Berglandschaft mit vielen Flüssen. Bewege mich wie durch ein Portal von einer Welt zur Nächsten! Die Augen inzwischen fest verschlossen und schreiend vor Aufregung! Es fühlt sich an wie die Abfahrt in einer Achterbahn! Meine Bewegung wird langsamer. Ich öffne die Augen und lande auf dem Boden. Vor mir sind meine zwei Geschwistern und leibliche Mutter. Sie rufen und winken mich zu sich. Ich mache meinen ersten Schritt in dieser Welt. Vorsichtig, denn das laufen fällt mir oft sehr schwer. Als seien meine Beine teilweise Paralysiert. Dieses Mal klappt es gut. Ich folge ihnen durch einen Park. Es ist ein angenehmer Sommertag. In der Nähe muss eine stark befahrene Straße sein da ich ganz deutlich viele Autos höre. Mir fällt schließlich auf, dass ich die drei immer undeutlicher sehe. Alles in meiner Nähe ist ganz klar. Alles weiter entfern und an Rändern wirkt verschwommen. Habe ich etwa eine Brille auf? Ich hebe meine Hände zum Kopf und tatsächlich… ich nehme sie ab. Kann die Drei nun wieder klar sehen. Mir fällt immer noch der verschwommene untere Bereich auf. Ich hebe meine Hände erneut zu Kopf und bemerke eine weitere Brille!
„Warum trage ich eine Brille über einer Brille?!“, rufe ich nach vorne zu den anderen. Ich entferne auch diese. Und doch bleibt immer noch ein Teil den ich nicht klar sehen kann.
„Und warum trage ich noch eine Brille darunter?!“
Es erinnert mich an Geschichten aus Taoismus und Zen, die besagen, dass die Welt eine Illusion ist. Durch unsere Erfahrungen, Konditionierungen und Wunschträume nehmen wie die Dinge wie durch eine Brille wahr, die verfälscht was tatsächlich da ist. So sieht jeder von uns, seine eigene Welt. Wie die vielen Namen und Beschreibungen die es für die ein und gleiche Blume geben kann.
Ich nehme auch die letzte Brille ab. Meine Blutsverwandten waren nur noch auf den Gläsern dieser Brille. Ich beobachte wie sie am Rand der Gläser verschwinden. Zugleich werde ich Körperlos. Die Zeit beschleunigt und ich fliege nur noch rasch durch die Straßen dieser Welt…

Ich wache auf. Es ist ein wunderschön heller Sommertag. Durch das gläserne Dach meines Hauses kann ich den klaren blauen Himmel sehen. Die weißen Wände und Möbel leuchten beinah. Eines der Dachfenster über mir ist offen und beschert mir eine angenehme Sommerbrise. Es ist wunderbar hier. So viel Platz. Ich erinnere mich an meine frühere Wohnung. Mit drei Zimmern war auch diese recht groß. Doch hier habe ich ein ganzes Haus für mich und die hohen Räume fühlen sich wunderbar an.
„Ach so.“ – das hier ist die Anderswelt.
Ich stehe auf und schaue mich um. Es ist tatsächlich wie in einer anderen Welt. Wie werde ich mich hieran erinnern, wenn ich wieder dort aufwache? Wird es im schlimmsten Fall nur noch wie ein Trübtraum auf mich wirken? Ich schaue mich um und präge mir möglichst viele Dinge ein. Laufe eine Treppe zum Glasdach hoch und blicke durch eines der offenen Dachfenster am Rand. Das Haus ist direkt an einer altertümliche Mauer gebaut. Ich steige durch das Fenster und begebe mich auf die Mauer. Der Ausblick ist phantastisch! Ich bin auf einem kleinen Berg und kann die ganze Umgebung von sehen. Es ist ein kleiner Ort. In der Ferne sind weitere sanfte bergartige Erhebungen. Direkt neben an ist ein mehrstöckiges Gebäude. Auch dessen Wände sind aus Glas. Im innerem führt ein stufenloser Weg von einem Stockwerk ins Nächste.
„Ich war vor ein paar Nächten schon Mal hier. In diesem Gebäude.“ – ich erinnere mich – es war voll von Menschen und ich lief von einem Stockwerk ins Nächste. Es war Nacht. Eine Feier fand dort statt. Nachdem ich aufwachte, konnte ich mich nur noch an diese paar Dinge erinnern. Es wirkte wie ein sogenannter Trübtraum. Nun ist dieser Ort erneut meine Realität. Jetzt wo ich mich an beide Welten erinnern kann, sollte ich erfahrungsgemäß mich nachhinein auch an viel mehr erinnern… eine Person auf einem Fahrrad nähert sich mir. Er ist klein und stämmig Gebaut, erinnert mich an einen alten Bekannten und ich glaube zunächst er ist hier aus meiner Erinnerung manifestiert, doch als er näherkommt und ich sein Gesicht sehe, erkenne ich, dass es jemand anders ist. Er lächelt freundlich und wirkt äußerst sympathisch. Der Mann trägt eine Sonnenbrille mit schwarzen, matten Gläsern. Er steigt ab von seinem Rad welches kleine futuristische Räder hat. Sie haben keine Speichen, sind im innerem mit einer grauen, ebenen Maße ausgefüllt. Ist es vielleicht einer meiner Engel?
„Hallo!“- ruhe ich winkend zu ihm. Er kommt näher. Sein lächeln wirkt warm und herzhaft. Ich verliere das Bewusstsein und wache ein weiteres Mal auf… in meiner früheren Wohnung.

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